Posts mit dem Label Reden werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Reden werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

31.8.18

Für den Frieden

Geschrieben anläßlich des "Internationalen Tag des Friedens in Dresden"


Meine Damen und Herren,
als ich ein kleiner Junge war,
habe ich zu meiner Lehrerin gesagt:
„Ich weiß nicht was ein Parallelogramm ist,
aber, ich bin für den Frieden!“
Das war Bestechung,
denn sie musste mich loben
und frei sprechen von der Mathematik:

Für den Frieden

Später, als wir sein wollten wie die Stones
und Janis Joplin und sowieso wie John,
sangen wir „Give peace a chance“,
mit drei Akkorden auf dem Schulhof
und keiner konnte die Gitarre stimmen.
(Strawberry Feels Forever):
Für den Frieden

Dann beim Abitur hatten wir
Aufnäher auf unseren Parkern:
„Schwerter zu Flugscharen.“
Die waren verboten und das war geil,
das das verboten waren.
Wir haben nicht so richtig gewusst warum,
aber wir waren echt cool
für den Frieden.

Dann haben sie uns von der Pershing erzählt,
von der amerikanischen Bedrohung,
(von der russischen nicht).
Da war ich bei der „Fahne“,
im Dienste der Soldaten, hab’ die Tage gezählt,
mit sechzig scharfen Patronen,
für den Frieden.

Dann kam das Theater, die Bühne, endlich!
Mord und Totschlag standen auf dem Spielplan.
Die trojanischen Kriege machten Spaß.
Ein bisschen war es wie im Kindergarten.
„Achill! - wenn ich schieße musst du fallen!“
Zack! Der Pfeil hat gesessen – Tosender Applaus.
Zuschauer: zufrieden.

Und jetzt?
Geht mir der Arsch auf Grundeis.
Meine Damen und Herren,
ist dieses Welttheater denn wirklich nichts anderes
Als ein Kindergarten? Als ein waghalsiges Spiel?
Mit Pfeil und Bogen? Nein!
Es ist ein Spiel mit dem Feuer.
Wo ist denn Frieden?

Seit es uns gibt, zerstören wir uns selbst.
Als wären wir uns nicht wichtig,
Unwichtig, zu leben in Frieden.
Gewalt und Willkür, für Religionen,
für Geld und Macht!
verspotten den Frieden!

„Ein Parallelogramm ist ein Viereck, 
indem sich die gegenüberliegenden Seiten parallel gegenüber stehen.“
Ich habe meine Hausaufgaben gemacht,
Frau Lehrerin! Und bin
immer noch für den Frieden.

Aus Gewohnheit, Verlangen,
aus Angst, oder Wut.
„Ich bin für den Frieden! –
Ja, Frieden wäre gut.
Weil wir sonst unsere Chance verlieren,
zu atmen, zu hoffen, zu lieben,
so blöd das jetzt klingt:
wir haben keine Wahl,
als zu leben im Frieden.


AM 2018

3.11.16

"Ich fühle mich fremd."

Liebe Theaterfreunde,
ich  veröffentliche hier meine  Ansprache an das Premierenpublikum 
wenige Minuten vor Beginn der Vorstellung des "Othello" am 29. Oktober 2016 im Schauspielhaus zu Dresden.

Was eher als Einbindung meiner Biographie in die Rolle des Mohren von Venedig gedacht war gerät in diesen Tagen, sei es in der Presse, oder in den Gesprächen zum Exkurs. Das finde ich gut und so war es gemeint. Ich danke Thorleifur Örn Arnarsson und Julia Hansen für ihre Hilfe an diesen nun folgenden Text.



Foto: Kraft Anger


Mein Name ist Ahmad Mesgarha. Ahmad. Nicht Ahmed. Ahmed ist Türkisch. Ahmad ist Persisch. Als ich hier angefangen habe, an diesem Theater, da war ich noch Student. Schauspielstudent. Da probten wir oben im „Theater unterm Dach“ ein Stück von Kafka. Die Premiere war ein großer Erfolg und wir waren alle sehr glücklich. In der Kritik stand schließlich zu lesen: „Den Obersthofmeister spielte Ahmad Mesgarha (er spricht sehr gut Deutsch!)“ Das ist mir nur einmal passiert! Mir, dem Bundesbürger mit DDR Vergangenheit, dem „Deutschenhochzwei“. Zwar halber Iraner, aber das Land habe ich nie gesehen, nie kennen gelernt. Außerdem war das unwichtig, nicht relevant, zählte nicht, spielte keine Rolle. Ich war Jungpionier, das war wichtig! FDJ, NVA und Mauerfall, Währungsunion, ich hatte das ganze deutsch deutsche Programm. Doch dann kamen Brecht, Lessing, Schiller, Kleist, Büchner, endlich Goethe und Thomas Mann. Ich habe auf dieser Bühne 29 Jahre die Deutsche Sprache zelebriert, geliebt, gelehrt, verteidigt. „Er spricht sehr gut deutsch!“ Ja, denn die deutsche Sprache ist meine Muttersprache. Ich heiße nur zufällig Ahmad. Nicht Ahmed! Ahmed ist Türkisch. Ahmad, so wie der Attentäter neulich in New York. Othello. Shakespeare. Gut! Da kommt nun mein Regisseur, Thorleifur Örn Arnarsson, ein englischsprechender Isländer aus Reykjavik in die Residenzstadt nach Dresden, um einem „sehr gut deutsch sprechenden“ deutschen Halbiraner aus Berlin Prenzlauer Berg beizubringen wie man einen Fremden spielt. Verstehen sie mich nicht falsch! Othello, das ist ’ne geile Rolle. Und würde ich Meyer, Müller, Lehmann, oder Schulze heißen, stünde ich jetzt braun geschminkt vor ihnen und würde, die Augen rollend und die Stimme verstellend den Mohren geben: „Desdemona hast du schon zur Nacht gebetet?“ Aber am Maskenplan, da draußen hinter der Glasscheibe, steht mein Name nicht geschrieben. Keine Maske! Und wissen sie warum? Mein Name soll meine Maske sein. Meine Farbe heißt Ahmad. Wer ist hier eigentlich der Rassist?Ich fühle mich fremd. Mit jedem Tag fremder. Und je fremder ich mich fühle um so mehr klammere ich mich an unsere Sprache. „Er spricht sehr gut deutsch!“ Als gäbe sie einen Halt unsere Sprache. Denn eine andere wurde mir nicht in die Wiege gelegt.