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27.1.19

Ein Fass voller Halbbegabung

Der folgende Text entstand anlässlich der Tatsache, dass ich nunmehr sehr viele Jahre auf der Bühne des Staatsschauspiels stehe. Und dieser runden Zahl wegen einen Blumenstrauß überreicht bekam.

Meine sehr verehrten Damen und Herren. Ein Gedanke schiebt sich in den Vordergrund. Auch wenn ich mir damit selbst in den Rücken zu fallen scheine. Der Dolchstoß ist unausweichlich. 

Foto: Julia Palus
Der Schauspieler. Der Schauspieler in seiner Gänze ist doch am Ende nichts weiter als ein hilfloses Fass voller Halbbegabungen. Ganz gewiss nur ein halbes Ganzes. Ein bisschen Pantomime hier, ein bisschen Singen da und Malen auch und Fechten. Dann am Klavier mit rauer Stimme und Salto rückwärts bei Bedarf. Reiten kann er auch und dabei Trompete blasen. Film und Hörspiel inklusive. Alles halb. Alles halb so wild. Alles da. Alles klar, wunderbar. 

Manchmal läuft das Fass auch über, da probiert er Regisseur zu sein. Aber ja. Da greift er nach den Sternen. So, als spiele das Kind die Mutter nach, befruchtet sich selbst und staunt über sich und seine Vielfalt, behütet von Agenten, die er immer anruft. Selbst wenn er auf die Toilette geht, ruft er an. Er ruft an bis das Netz zusammenbricht. Bis er die Kontrolle verliert. Den Kontakt, den er nie hatte. Den Boden unter den Füßen. Und dann hat er einen Burnout. Wie man heute sagt. Zuviel Talent, das nimmt ein böses End, zu viel halbes Talent. 


Aber ein Zusammenbruch, der gehört doch dazu. Meine Damen und Herren. Bei so viel Begabung. Der gehört doch in die Vita. Eingebrochen unter der Last seiner Vielfalt. „Volksschauspieler bricht zusammen. Bei einem Besuch im Kinderheim.“ Das klingt doch in den Ohren. Denn um weise Kinder kümmert er sich auch. Neben der Arbeit. Natürlich. Und das mit den Rechten in der Stadt ist ihm gar nicht recht. Das würde er auch laut sagen. Wenn er die Zeit dazu hätte. 

Er ist ein Scharlatan auf dünnem Eis. Mit ganzem Herzen halb dabei. Ein kostbarer Lügner, ein armer Hund, ein streunender Köter. Süchtig nach Applaus. Ermordet seinen Nachbarn für ein Lob in der Presse. „Der Verwandlungskünstler war wie immer überzeugend!“ Das zergeht wie Schaum auf der Zunge. Manchmal bleibt er stehen. Blickt in die Ferne. Als wäre dort das Ziel. Und dann rollt ihm eine Träne durchs Gesicht. Und fällt zu Boden. Und einen einfachen Grabstein wird er später haben, denkt er sich. Einen Naturstein. Auf dem nichts weiter stünde als „Bravo.“ Denn bescheiden war er auch. Vor allem und in erster Linie bescheiden. Unser Multitalent.
AM 2015/2019






31.8.18

Für den Frieden

Geschrieben anläßlich des "Internationalen Tag des Friedens in Dresden"


Meine Damen und Herren,
als ich ein kleiner Junge war,
habe ich zu meiner Lehrerin gesagt:
„Ich weiß nicht was ein Parallelogramm ist,
aber, ich bin für den Frieden!“
Das war Bestechung,
denn sie musste mich loben
und frei sprechen von der Mathematik:

Für den Frieden

Später, als wir sein wollten wie die Stones
und Janis Joplin und sowieso wie John,
sangen wir „Give peace a chance“,
mit drei Akkorden auf dem Schulhof
und keiner konnte die Gitarre stimmen.
(Strawberry Feels Forever):
Für den Frieden

Dann beim Abitur hatten wir
Aufnäher auf unseren Parkern:
„Schwerter zu Flugscharen.“
Die waren verboten und das war geil,
das das verboten waren.
Wir haben nicht so richtig gewusst warum,
aber wir waren echt cool
für den Frieden.

Dann haben sie uns von der Pershing erzählt,
von der amerikanischen Bedrohung,
(von der russischen nicht).
Da war ich bei der „Fahne“,
im Dienste der Soldaten, hab’ die Tage gezählt,
mit sechzig scharfen Patronen,
für den Frieden.

Dann kam das Theater, die Bühne, endlich!
Mord und Totschlag standen auf dem Spielplan.
Die trojanischen Kriege machten Spaß.
Ein bisschen war es wie im Kindergarten.
„Achill! - wenn ich schieße musst du fallen!“
Zack! Der Pfeil hat gesessen – Tosender Applaus.
Zuschauer: zufrieden.

Und jetzt?
Geht mir der Arsch auf Grundeis.
Meine Damen und Herren,
ist dieses Welttheater denn wirklich nichts anderes
Als ein Kindergarten? Als ein waghalsiges Spiel?
Mit Pfeil und Bogen? Nein!
Es ist ein Spiel mit dem Feuer.
Wo ist denn Frieden?

Seit es uns gibt, zerstören wir uns selbst.
Als wären wir uns nicht wichtig,
Unwichtig, zu leben in Frieden.
Gewalt und Willkür, für Religionen,
für Geld und Macht!
verspotten den Frieden!

„Ein Parallelogramm ist ein Viereck, 
indem sich die gegenüberliegenden Seiten parallel gegenüber stehen.“
Ich habe meine Hausaufgaben gemacht,
Frau Lehrerin! Und bin
immer noch für den Frieden.

Aus Gewohnheit, Verlangen,
aus Angst, oder Wut.
„Ich bin für den Frieden! –
Ja, Frieden wäre gut.
Weil wir sonst unsere Chance verlieren,
zu atmen, zu hoffen, zu lieben,
so blöd das jetzt klingt:
wir haben keine Wahl,
als zu leben im Frieden.


AM 2018

3.11.16

"Ich fühle mich fremd."

Liebe Theaterfreunde,
ich  veröffentliche hier meine  Ansprache an das Premierenpublikum 
wenige Minuten vor Beginn der Vorstellung des "Othello" am 29. Oktober 2016 im Schauspielhaus zu Dresden.

Was eher als Einbindung meiner Biographie in die Rolle des Mohren von Venedig gedacht war gerät in diesen Tagen, sei es in der Presse, oder in den Gesprächen zum Exkurs. Das finde ich gut und so war es gemeint. Ich danke Thorleifur Örn Arnarsson und Julia Hansen für ihre Hilfe an diesen nun folgenden Text.



Foto: Kraft Anger


Mein Name ist Ahmad Mesgarha. Ahmad. Nicht Ahmed. Ahmed ist Türkisch. Ahmad ist Persisch. Als ich hier angefangen habe, an diesem Theater, da war ich noch Student. Schauspielstudent. Da probten wir oben im „Theater unterm Dach“ ein Stück von Kafka. Die Premiere war ein großer Erfolg und wir waren alle sehr glücklich. In der Kritik stand schließlich zu lesen: „Den Obersthofmeister spielte Ahmad Mesgarha (er spricht sehr gut Deutsch!)“ Das ist mir nur einmal passiert! Mir, dem Bundesbürger mit DDR Vergangenheit, dem „Deutschenhochzwei“. Zwar halber Iraner, aber das Land habe ich nie gesehen, nie kennen gelernt. Außerdem war das unwichtig, nicht relevant, zählte nicht, spielte keine Rolle. Ich war Jungpionier, das war wichtig! FDJ, NVA und Mauerfall, Währungsunion, ich hatte das ganze deutsch deutsche Programm. Doch dann kamen Brecht, Lessing, Schiller, Kleist, Büchner, endlich Goethe und Thomas Mann. Ich habe auf dieser Bühne 29 Jahre die Deutsche Sprache zelebriert, geliebt, gelehrt, verteidigt. „Er spricht sehr gut deutsch!“ Ja, denn die deutsche Sprache ist meine Muttersprache. Ich heiße nur zufällig Ahmad. Nicht Ahmed! Ahmed ist Türkisch. Ahmad, so wie der Attentäter neulich in New York. Othello. Shakespeare. Gut! Da kommt nun mein Regisseur, Thorleifur Örn Arnarsson, ein englischsprechender Isländer aus Reykjavik in die Residenzstadt nach Dresden, um einem „sehr gut deutsch sprechenden“ deutschen Halbiraner aus Berlin Prenzlauer Berg beizubringen wie man einen Fremden spielt. Verstehen sie mich nicht falsch! Othello, das ist ’ne geile Rolle. Und würde ich Meyer, Müller, Lehmann, oder Schulze heißen, stünde ich jetzt braun geschminkt vor ihnen und würde, die Augen rollend und die Stimme verstellend den Mohren geben: „Desdemona hast du schon zur Nacht gebetet?“ Aber am Maskenplan, da draußen hinter der Glasscheibe, steht mein Name nicht geschrieben. Keine Maske! Und wissen sie warum? Mein Name soll meine Maske sein. Meine Farbe heißt Ahmad. Wer ist hier eigentlich der Rassist?Ich fühle mich fremd. Mit jedem Tag fremder. Und je fremder ich mich fühle um so mehr klammere ich mich an unsere Sprache. „Er spricht sehr gut deutsch!“ Als gäbe sie einen Halt unsere Sprache. Denn eine andere wurde mir nicht in die Wiege gelegt.

12.5.14

Kommt ein Mann zum Arzt

Der folgende Text entstand, da ich der geschätzten Schauspielerin Hanne Koch einen Vorschlag machen wollte. Sie, die skeptische Schwiegermutter im Stück "Der Selbstmörder", war Ende des ersten Aktes vor eine schwere Aufgabe gestellt. Sie sollte mir einen Witz erzähle, um mich vom Selbstmord abzuhalten. Es kam nie zu der Verwirklichung meiner Idee. Mein Witz blieb unbenutzt. Aber gut, dass wir mal drüber geredet haben.


"Kommt ein Mann zum Arzt, sagt der Doktor: ich kann nicht lesen, aber ziehen Sie sich schon mal aus.

Sagt der Mann ... also, der Mann, der Mann hat das gesagt, nicht der Doktor, der Doktor saß ja da, der konnte lesen, aber der Mann, der reinkam, der eben nicht... Nur so ein paar Worte. Das muss man wissen um den Witz zu verstehen!

Also jedenfalls zieht der sich aus… und das dauert und dauert, weil er sehr viel an hatte, die Jacke, Hemd, Hose, ... und während er sich so auszieht, wie gesagt, er konnte nicht lesen! - Ich sag's nur wegen der Pointe, denn wenn man den Witz nicht wirklich genau erzählt, versaut man die Pointe, das wäre schade. Also sag ich’s lieber vorher...

Hatte ich erwähnt, dass der Mann Walter heißt? Egal, ist jetzt auch nur informativ, für den Hinterkopf, damit man sich das besser vorstellen kann, also das braucht man jetzt nicht direkt für den Witz...springt die Türe auf, der Doktor kommt herein, ... nein! - genau gesagt... springt der Doktor auf, denn der Mann kommt rein und … jetzt kommt's... sagt doch der ... Name fällt ihm nicht ein...zu dem…Name fällt ihm immer noch nicht ein...so als wäre nicht gewesen: "Mensch Walter, ich kann nicht lesen!“... sagt er zum ...Dingsta, weil der, das muss man wissen, um den Witz, kann ja gar nicht, sonst versaut der Mann den Doktor...

Hatte ich erwähnt, dass der Ernst Arzt heißt?! Nicht? Weil jetzt die Pointe, das wär schade, sonst springt doch die Hose auf den Hinterkopf in, äh...Dingsta, hatte ich erwähnt, dass ich Thomas heiße... Mann.

Thomas Mann und ich kann nicht lesen. Ja.

Ha, ha.

Ich sag's nur wegen der Pointe, denn wenn man den Witz nicht wirklich genau erzählt, versaut man die Pointe. Das wäre schade."


©AM2014

2.12.13

Morgendliches Gespräch




Vater freundlich 
 Guten Morgen…

Tochter schweigt

Vater etwas bemühter 
 Guten Morgen!

Tochter ohne hochzugucken 
Das hast du schon gesagt.



Foto: Kwerfeldein


29.11.09

Liebe Jungpioniere, liebe Thälmann… und Genossen…

Monolog des Lutz-Uwe Kleinert in Wittenbrinks "Lobbyisten".



"Überall dort, wo wir singen, bei Wanderungen in den Lagern, besonders aber, wenn wir gemeinsam … und es wird gesungen…mit fröhlichen und … optimistischen und ganz egal welche Hautfarbe. Denn mit jeder Note und ich meine da alle… tragen wir mit Stolz und das geloben wir, liebe Kinder und Lehrer, denn den Sozialismus in seinem Lauf, … haben viele Kinder nicht mal ein Glas Milch am Morgen! ….und umarmen unsere Brüder aus den Freundesländern, … und große Sowjetunion, …denn so, wie wir heute singen, werden wir morgen klingen und deshalb fühlen wir, unsere gemeinsame  Aufgabe, eine historische Zeit, so selbstverständlich … nutzt die Gelegenheit! Und fragt eure Eltern! Geht in die Betriebe zu den Werktätigen und singt..."

Text © A. Mesgarha
Premiere 30.12.2009

21.11.09

Mein Name ist: Lutz–Uwe Kleinert


Bei der Entwicklung einer Theaterfigur, einer "Rolle", ist es  manchmal hilfreich seine Gedanken aufzuschreiben. So bekommen die Bilder, die man nur wage im Kopf hat, eine Kontur. Während der Stückentwicklung für die neue Uraufführung von Franz Wittenbrinks Lobbyisten schrieb ich die folgende Biografie in mein kleines rotes Notizbuch:

Mein Name ist: Lutz – Uwe Kleinert.


Ich bin 46 Jahre und habe einen leichten, meist stark riechenden Achselschweiß dessen stechenden Geruch ich nicht mehr wahrnehme. Wohl aber die Anderen. Meine Fingerkuppen sind an ihren Spitzen von einer braun gelben Oberfläche und unter den Fingernägeln, die zu lang sind, bildet sich eine Masse, deren Inhalt mir egal ist, die ich nicht beachte, denn es geht mir um die Sache.

Es ging mir immer schon um die Sache, um welche war nicht so wichtig. Dabei sein wollte ich. Wir haben stets viel getrunken und geraucht, meist die „Alte Juwel“. Meine erste Freundin hieß Jacqueline, die Fleischers Tochter. Sie war blond und liebte Conny, ihren Hund. Conny war alt und roch wie mein Anorak. Ich mochte ihn.

Ich mag mich. Ich bin intelligent. Ich habe Abitur, Berufsausbildung mit Abitur. Ich wollte drei Jahre zur Armee, bin aber wegen Bandscheibenproblemen vorzeitig entlassen worden. In dieser Zeit begannen das Alkoholproblem und die ersten erotischen Erfahrungen mit Jürgen, der aussah wie Jürgen Sparwasser. Aber kleiner. Jürgen war kleiner. Genau genommen sehr klein. So groß wie Denny DeVito.

In Cottbus auf der Ingenieur Hochschule war ich im FDJ Rat. FDJ Sekretär und endlich Partei. Sie haben mich schon während der Armee vergessen zu überreden. Nun hatte ich mich selber vorgeschlagen und es hatte geklappt. Die Zeit der Singe Bewegung begann. Mit Jürgen war Schluss. Er konnte mich mal. Ich bin doch nicht schwul. Wie sieht das auch aus vor den Genossen.

Freitags waren wir bowlen. Dort habe ich zum ersten Mal über jemanden Auskunft gegeben. Über Jürgen meinen kleinen Freund, der war in Bautzen im Gefängnis. Es handelte sich um Republikflucht. Das erzählten mir die Genossen, während wir bowlten. Wir waren zu viert an einer Bahn. Die Bahn sechs war die letzte. Ich habe alles erzählt, das ich wusste. Ich wusste nie viel, aber ich wusste immer genug. Von nun an gehörte ich dazu. Wozu? Das war mir egal. Man denkt sich nicht so viel, wenn man viel tut. Wir trafen uns auf der Bahn sechs, jeden Mittwoch ab 17 Uhr.

Mit 21 war ich bereits zwei Jahre verheiratet mit Karin, der Krankenschwester. Wir lebten in einer 2 – Raum Neubauwohnung und fuhren einen Wartburg Tourist. Wir blieben kinderlos. Damals hatte ich ein mehr, oder weniger heimliches Verhältnis mit einem führenden Politiker, dessen Namen ich hier nicht nennen möchte. Mit 22 Jahren wurde ich dann versetzt. Der Parteiauftrag lautete in Alt Kötzschenbroda die Lebensmittelverteilung zu koordinieren. Wir verteilten H-Milch, Mocca Fix, und Leckermäulchen an Freunde, politisch zuverlässige Arbeitskräfte, oder nützliche Zuträger. Wir belieferten Restaurants, Hotels und Gewerbe. Das war eine schöne Zeit. Sicher die schönste meines Lebens. Es ging uns gut und wir hatten alles, was wir wollten. Ich lebte mit Karin und Kinderlos. Ich betrog Karin mit der Partei und Michael, dem damaligen Jungbürgermeister und Leiter des Ortsamtes Radebeul.

Alles nicht Erklärbare ist mir suspekt. Hinter Doppeldeutigkeiten verbergen sich Spitzen und gemeine Gefahren. Ein gewisses Hotel „Ilona“, alt und baufällig, war mir immer ein Dorn im Auge. Es gab Versammlungen, Kultur, Bands, Ruhestörungen,  zweideutige Gestalten und Theater. Wir waren in regem Kontakt mit unseren Mitarbeitern, die entweder als Lift Boy arbeiteten, oder nur an der Bar saßen. Mein liebster und persönlichster Feind war eine gewisse Ilona. Sie trug den Namen ihrer Großmutter, die zusammen mit ihrem Ehemann das Hotel um die Jahrhundertwende erbauten. Durch ihre Brille erkannte ich nie ihre Augen. Ihr stets strenger und unbeweglicher Blick verriet keinerlei Regung. Dabei konnte sie lachen, wenn sie wollte. Sie lachte dann so, dass es unangenehm wurde, dass man den Raum verließ und nie  wiederkam. Trotzdem war ihr Hotel nicht gerade leer.  Sie war so eine, mit der einer wie ich nicht gerne alleine war. Ich nannte sie heimlich Schwarzwurzel. Die „strenge Schwarzwurzel.“

Ich belieferte sie damals vorsätzlich mit Kohl und Kartoffeln, sie sollte in Rotkohl ersticken. Keine H-Milch, keine Südfrüchte, oder Papiertaschentücher. Kein gutes Spee, sondern ätzendes IMI, keine Schokoküsse, kein Nudossi, kein Tomatenketchup. Im ganzen Umkreis gab es keine Lizenz Schallplatten, ich wusste, sie liebt Roger Whitaker.

Ich habe es mir angewöhnt über Unwesentliches hinwegzusehen, weil es den Blick nach vorne verstellt und weil es aufhält. Das Leben ist ausgerichtet zum Licht. Nie habe ich mich dafür geschämt, dass ich zum Licht gelaufen bin, wenn es in meinem Umfeld dunkel wurde. Nur einmal nach der Wende bin ich  schwach geworden, als ich meinen Vornamen ändern lassen wollte. Al wollte ich heißen. Al kommt von Alan. Al Kleinert wollte ich heißen. Wer Al Pacino auf VHS Kassette gesehen hat, kann nur Al heißen wollen. Ja, Al Kleinert hatte ich meinen Eltern offenbart zu Weihnachten 1990. „Die neue Zeit sucht neue Namen“ und ein Blick meines Vaters ersparte mir weiteres Nachdenken. Mein Vater war ein stiller Mensch.

Die neue Zeit viel mir  leicht.

Man muss aufpassen, aber das tat ich seit ich denken konnte. Mir gelingt es stundenlang, manchmal tagelang nicht zu sprechen. Karin leidet dann sehr, sie weiß mich zu nehmen. Ich mache mir einen Spaß daraus die Fehler der anderen zu sammeln. Ja ich warte auf die Fehler der anderen. Ich rieche Ihre Strategien, um sie zu aufzudecken. Meine Energie ist die, des kürzesten Weges zwischen zwei Punkten. Die Menschen sind zu moralisch und deshalb umständlich. Aber die neue Zeit war unmissverständlich: es ging um Geld.

Dass man mich nicht mag, tut mir  nicht weh. Ich kenne Al. Er und ich sind Freunde. Nachts sehe ich ihn auf VHS. Dann hole ich die CZ 45 raus, eine 6,35mm Pistole aus NVA Zeiten und halte hinter der Gardine stehend auf Passanten die aus dem „Goldenen Anker“ treten. Eines Tages drücke ich ab.




©AM2009

11.2.09

Ich hoffe, ich störe nicht

Im Herbst des letzten Jahres rief mich der Fotograf F. an. 
„Aber nein, sie stören mich nicht, was gibt’s?“ Der Name F. war mir bekannt. 
Der Fotograf F. schlug mir an einem späten Nachmittag des letzten Jahres vor, Fotos zu machen. 
„Von mir?“, fragte ich „ja, von ihnen“. 
„Aha“ und warum?“ fragte ich.
„Weil ich auf der Suche bin nach einem Gespräch“, sagte er. 
„Einem Gespräch“? „Ja“, antwortete er etwas zögernd, um dann umso entschiedener fortzufahren: „Ein Gespräch über das Leben, über das Scheitern und Hoffen, über Glück und Unglück, vielleicht auch ein Selbstgespräch“. 
„Ja, dann lassen sie uns doch reden, schlug ich vor, reden ist mir lieb, reden ist mir lieber, es gibt genug Fotos von mir“. „Nein“ sagte er mit einer Bestimmtheit, die aufhorchen ließ und durch das Telefon hindurch bemerkte ich, wie seine ohnehin beharrliche Art zu sprechen seiner Stimme zunehmende Festigkeit verlieh, er musste an ein zentrales Thema, vielleicht an sein zentrales Thema geraten sein, „nein“, sagte er, „ich möchte gerne mit ihnen reden, aber ohne Worte.“ „Aha“. Ich sagte „Aha“ um etwas zu sagen, nur um etwas zu sagen, so wie man manchmal eben nur etwas sagt, um damit eigentlich gar nichts zu sagen, aber um den sicheren Anschein zu erwecken man wäre bei der Sache. „Aha, ohne Worte...“. 

„Ja, ich möchte mit ihnen reden“ fuhr er fort, „indem ich sie fotografiere. Sie sollen mir dabei von sich erzählen“!„Ganz ohne Worte“ fragte ich? „Ja“. „Aber ich rede sehr gerne“ erwiderte ich etwas zu forsch „und meistens ohne Punkt und Komma“. „Ich weiß...“. „Wie bitte?“, fragte ich. „Ich sagte, ich weiß“ sagte er, der Fotograf, der F. hieß und der aus Dresden kam, „Aha“ sagte ich.
Wir schwiegen uns eine kurze Zeit an. Dann holte ich aus, um Land zu gewinnen. „Wissen sie, ich lasse mich nicht so gerne fotografieren, denn man wird zu sehr von der Hure der Gefallsucht, von der Hure der Lüge verführt, etwas zu sein, dass man gar nicht ist, von dem man sich aber wünscht, dass man es wäre, wenn man es könnte. Ja, wenn es um eine Rolle ginge, um ein Rolle, ja, ... aber von mir erzählen, so ganz ohne Rolle, dass kann ich nicht. Ich bin ein Schauspieler. Ich spiele. Ich spiele jeden Tag. Missverstehen sie mich bitte nicht, spielen heißt Suchen, ewiges Suchen, manchmal verzweifeltes Suchen nach sich, nach der Wahrheit, nach was weiß ich. Mein Gott, wer bin ich und wenn ja, wie viele? Der Schauspieler ist ein Selbst, das aber nur blüht, wenn es sich für ein Anderes Selbst verwenden darf. Darauf hofft er, danach sucht er. Gefallsucht paart sich mit genetischer Grundlagenforschung. Das ist das Verhängnis. Er ist eine Hure. Er ist die Hure der Seele. Denn mit der Maske eines Fremden ist das Eigene leichter zu verstehen. Für den Zuschauer und für den Spieler auch. Sie müssen wissen, jeder Schauspieler, der sich fotografieren lässt, lügt.Und er lügt doppelt, wenn er sich so zeigen will, wie er wirklich ist. Und er lügt dreifach, wenn er dafür bezahlt wird. Er lügt schamlos und ohne Vorwarnung. Ihm fehlt die Naivität, sie ist ihm abhanden gekommen wie der Turnbeutel in der 2.Klasse. Hingegen hat der flüchtige und undurchschaubare Moment des Theaters, des Spielens auf der Bühne, für mich nie seinen Zauber verloren. Was ich auch denke, was ich auch tue, ich weiß nie, welchen Augenblick der Zuschauer bei sich hält, sich bewahrt und in seinen Erinnerungen mit nach Hause nimmt. Das ist der Zauber der Undurchsichtigkeit. Ich ahne den Moment, ich strebe ihn an, ich visualisiere meine Gedanken, ich stelle sie glasklar in den Raum, aber ich habe keinen Einfluss auf die Linse des Betrachters und auf seine Seele.“ 
„Du sprichst so“, antwortete er, der Fotograf, der sich F. nennt unbeeindruckt, „als würde eine Fotografie nicht leben, aber ein gutes Foto kann sprechen, kann Monologe sprechen und jeden Tag in einer anderen Sprache. Und jeden Tag genieße ich die Unfertigkeit eines Fotos“. Nun hörte ich durchs Telefon, wie F., der mich geduzt hatte, in Gedanken den Auslöser drückte, um mir den Gnadenstoß zu geben, „denn das Leben und somit auch die Kunst bestehen aus Unfertigkeiten, oder?, aus einer faszinierenden Sammlung von lauter Unfertigkeiten, aus einer großen Komposition aller täglichen Unzulänglichkeiten. Die Natur kennt keine rechten Winkel, keine geraden Linien, alles hat seine Form. Kann da überhaupt etwas falsch oder richtig sein? Es ist wie es ist. Alles was geschieht ist wahr, weil es so ist.
“Einen Augenblick lang war jetzt Stille. Das war zuviel Kulturtheorie auf einmal, aber ich hatte ja damit angefangen und das Problem war nun, das Thema zu wechseln, ohne dabei den Eindruck zu erwecken vor Irgendwas und Jemanden zu kneifen. Ich änderte meinen Tonfall. Ungeduld machte sich bei mir breit.„Ich habe noch ein anderes Problem“ sprach ich etwas stockend, aber kunstvoll gemeißelt, so als würde ich im fünften Akt des Dramas das Finale einleiten, wissend um die Wirkung der Langsamkeit, wissend um die Merkwürdigkeit des qualvollen Dehnens von Vokalen, welche sich von den Konsonanten lustvoll verabschieden um sie noch begieriger zu empfangen. „Wissen sie“ meißelte ich, während in zunehmendem Maße die Sprache aus mir heraus floss wie ein Rinnsaal, das Befreiung suchte in der Muschel meines Telefonapparates, „wissen sie,... jedes Foto ist wie ... ein kleiner Tod, wie ein Abschied, jedes Foto zeigt wie ... die Zeit vergeht, mein Gehirn hat mich in anderer Erinnerung. Das weiß ich, weil ich’s weiß. Kübelschwere Verdrängung ist täglich notwendig, um sich einzubilden, dass das Passbild auf meinem Personalausweis noch der Realität entspräche. Es ist zehn Jahre alt. Zehn Jahre..., wo ist die Zeit hin? Selbst mein Ausweis ist veraltet. Es tröstet mich, wenn der Zollbeamte nickt und mich passieren lässt, aber ich durchschaue ihn. Er hat Mitleid, denn auch er hat einen Personalausweis und auch er kennt sich nur noch flüchtig. Jeden Tag sehe ich ein Blatt vom Himmel fallen, ein weiteres und ein weiteres.... 
Ich bin nachdenklich geworden, als ich dieser Tage einige Fotos in den Händen hielt. F. hatte sie mir zukommen lassen. Er hatte lange nichts von sich hören lassen, nachdem wir uns für tausend Bilder trafen, tausend und ein Bild, in zwei Stunden, im dritten Hinterhof seines Ateliers, unterm Dach und ich war drauf und dran das Ganze zu vergessen, wohl wissend, dass sein erster Satz: „Ich hoffe, ich störe nicht“, im Herbst des letzten Jahres bei mir eine kleine Lawine ins Rollen brachte. Ja, er hatte Recht, man kann sich auch mit Bildern unterhalten. 
Nein, ich lasse mich nicht gerne festhalten, bis heute nicht, aber ...diese Bilder sind ...irgendwie anders, eben ... als würden Blätter vom Himmel fallen...

©AM2009

7.9.05

Obszöne Inszenierung - Ein Sprechtraining für den Schauspieler


Vergangene Kindertage in Berlin; das Rufen meiner Mutter in den Ohren „Jetzt hältst du mal für fünf Minuten deinen Rand!“ In den Folgejahren habe ich mich sozusagen an das Theater „herangeredet“,zunächst im Überschwang der Lust, dann mit Ausdauer und nicht selten mit fehlendem Verstand. 
Viel war mir lieber als wenig. Laut war mir lieber als leise. Schnell war mir lieber als langsam.Sofort war mir lieber als später. 
In den Zeiten meiner Schauspielausbildung, also so um 1987, entstanden die folgenden schrägen, von mir selbst verfassten Sprechübungen für die Geläufigkeit der Sprachführung, sowie für die Vokal- und Konsonantenbildung. Ich wollte beim üben lachen. 
Diese Texte stehen ab sofort allen verrückten Enthusiasten zur freien Verfügung. Ich habe bei der Zusammenstellung der Texte geklaut bei:

Woff / Aderhold — Sprecherzieherisches Übungsbuch, Henschelverlag, 1984
Der kleine Hey — Die Kunst des Sprechens, Edition Schott 1956.


Viel Spaß beim nachsprechen.

PS.:

Wenn ihr einen Knoten in der Zunge habt, sprecht den ganzen Kram rückwärts, dann löst‘s sich wieder auf. Ich nutze die Übungen übrigens bis heute.



Zehn Szenen meiner obszönen Inszenierung
Übungstext für den Schauspieler mit der Erlaubnis zum Lachen
von Ahmad Mesgarha


1.Szene meiner obszönen Inszenierung
Ich startete spontan zu einer Seereise nach Afrika. Mir schwante schon, dass die Last, ein Theater in Ghana aufzubauen, meine Ära in Nigeria unterlaufen würde. 
Bei mir waren: Edda Eva und das Lama. Diva aus Riesa hatte Namenstag.
Ich nahm sie anstandshalber mit, obwohl sie, Analphabetin, meinem Ratschlag, den Katalog aller Salatpflanzen mitzunehmen nicht folgte. Da unser Eisenerzvorrat abnahm und ich dem Liebesgezwitscher des Lamas und der Edda zürnte, sparte ich nicht mit Strafe:

“Du da, schaffst Steine herbei,
und gräbst stehend ein Grab für dich,
denn du jauchztest zuerst,
zwitschertest später, und schiedst zu zeitig aus.
Jetzt sei dir das Menschengeschlecht abhold. Dein obszöner Materialismus
ist ein wahres Milchmischgetränk
an zorniger Onanie. Dir das Grab!“


Das selbst hatte Edda nie in der griechisch-orthodoxen Kirche erlebt. Aufgrund solcher fundamentalen wissenschaftlichen Erkenntnis, gründeten wir, in Afrika angekommen, ein chemotechnisches Institut mit gleichgültigen, wenngleich tüchtigen Chirurgen.


2.Szene meiner obszönen Inszenierung
Eine chinesische Teemischung schlürfend, entwarf ich einen Plan für einen tschechisch -chinesischen Gemeinschaftsfilm mit sorbischem Untertitel, chilenisch wäre mir lieber gewesen, aber mein andalusischer Vater entschied für mich. 

Nun fehlte mir nur noch der fähige Regisseur. Ich entsann mich der Psychophysiologie als Lehre von der Verknüpfung der physischen Vorgänge mit den Lebensäußerungen der Seele. So veräußerte ich mich also frisch und beherzt an einen französischen Regisseur griechischer Abstammung, dessen lichtes Haar abzunehmen schien. Er inszenierte gerade ein chinesisch - hessisches Hörspiel. Nicht gewiss, ob er tüchtig oder flüchtig inszeniert, gestand mir der ehemalige Mönch nach einer Zeche Fenchelmilch, fechtend, recht bleich im Gesicht, doch freundlichst bedächtig seine Gicht. Interessante Skandale, wie in einem revolutionären Sketch. Dieser altindische Auerochse, gleich einem entehrten Erzengel hatte, wie ich später merkte, auch Rachenwandkatarrh, der jedoch, gleich dem lichten Haar, abnahm. So musste ich dem Abglanz von Ungemach und Qual die Inszenierung absagen. Seinem Schnarch Geräusch zu entgehen, floh ich zum Panamakanal.


3.Szene meiner obszönen Inszenierung
Ich wusste von einer tschechischen Kunstausstellung. Ich konnte nicht verzichten. Chinesische Schalen, schwedisches Schwarzholz, chauvinistisch, aber mit Charme verpackt. Ein Chansonnier gleich im Foyer. Nichts hielt mich. Schwebend wie ein Schwan, stromabwärts der Flüsse und Seen, sah ich im spiegelnden Nass Glasfläschchen, Ledertäschchen voller Kirschen, doch nie Fischchen, so weit ich auch blickte. Die Geschwindigkeit maßlos gesteigert, durchschritt, nein durchschoss ich, wie der Dolchstoß ein Blechstück durchwuchtet, die Schallmauer. Angekommen, wusste ich nicht, ob ich in Amerika, Panama, Lima, Kanada oder ganz und gar in Europa war. So stocherte ich durchs Dickicht, über Bächelchen und Häufchen, über Fels, Pilz, Moos, Maus, Iltis und Glas, um die in unmittelbarer Nähe liegenden Häuschen zu tünchen. Hier roch’s verdächtig nach Lynchjustiz.


4.Szene meiner obszönen Inszenierung
Stunden starken Stöberns, schonungslosen Suchens verstrichen ohne Ergebnis. Zu Schnorcheln schien schändlich. Ein Spalier an spottenden Spaziergängern, die spontan, doch sporadisch Spaghetti Stangen spendeten, trieb mich, lechzend, zum Zynismus.
Angesichts der hysterischen Skeptiker des Spektakels gelangte ich blitzartig zu der Erkenntnis: Kants Transzendentalphilosophie, die die Erkenntnis der Erfahrung voraussetzt, war transparent meine Situation. Ich glich einem aufgeplusterten Spatzen, den ein filziger Pfirsich inspirierte zu krächzen und Spektakeln. Die stete innere Stimme stanzte mir rhythmisch den eigenen Status:

„Du schwimmst stromaufwärts, der Blitz wird dir den Lebensplatz zeigen, nur er trifft’s Ziel.“

Eine Extraausgabe auserwählt billiger Erzengel sollte helfen. Fortan lebend in einem Schloss, war mir das Liebste der süßeste Spaß, ein Leben ohne Maß und Fleiß in schwüler Genusssucht, mit Pseudonym und ständigem Schwips, wie Hans Sachs. Was sollte besser sein.


5.Szene meiner obszönen Inszenierung
Auch im August waren Festtage in Aue. In unserer rauchigen Aula, ein Bau so blaugrau, wie maulfaul, die meine Geburtsstätte war, saßen die Säue jubelnd, johlend und jauchzend. Hier zu inszenieren, verstünde sich als Zugeständnis.


Fächer, Bänder, Festgepränge, selbstverständlich Männerschwärme! Fächelnd, lächelnd längs den Sälen Schwärmt verächtliches Gedränge.“

In lästiger Lust schwillt bauchig der Schmauchqualm satt und träge. Ein Pfau und ein Tau im Morgenrot, machte aus dem Eisschrank eine Schießschanze, die Plüschsessel im Königsschloss wurden kurzgeschlossen, - ja, es ist schwer, einem süchtigen Schweine etwas abzugewöhnen.
War das noch Aue, oder schon Bagdad? War das schon Zwieback, oder noch Pflaume? Im Zickzack zuckte Blitz auf Blitz, zaghaft zündelte der Zorn, dem zittriges Zagen, der Zwietracht mitten ins Herz. Da war sie: Barbara. - die
sagenhafte, sinnbedachte.

„Barbara saß nah am Abhang Sprach gar sangbar — zaghaft langsam.
Mannhaft kam alsdann am Waldrand Abraham a Sancta Clara.“

Abraham begann das Statut zu verteilen. Ich wollte sein wie Pina Bausch:

“Fesch anstatt lasch, Fleisch anstatt Plüsch, Peitsche anstatt Pappe”,

denn mir schwante noch aus Kindertagen: ein Tempotaschentuch ist keine Tageszeitung und las lustvoll, aber leiernd, laut, obschon leise, nie langweilig, doch immer leidend:

„Nah dem Hage Tannen schwanken, Alles strahlet Abendprangen, klagend sang der alte Barde, dass der Waldesrand es hallte! Knaben kamen da gegangen, sangen Psalmen, Banner tragend Manche prangt der Kranz am Arme und mancher Herr küsst manche Dame .“


6.Szene meiner obszönen Inszenierung
Ich wusste, Henrik Ibsen war ein Rabenvater. Zwanghaft verfasste ich, fiebrig und übernächtigt, ein Szenarium, das all die Schandtaten des nordischen Dichters aufdecken sollte. Pina Bausch warnte vor dem (Zitat) „scharfen Wisch“, mit (Zitat) 

„Der Pfeil des Schimpfs kehrt auf den Mann zurück, der zu verwunden glaubt.“

Die Szene sollte in einer Tanzdiele spielen: Eiszapfen, zart und zeitlos, zelebrierten die Zeremonie an Decken und den Wänden. Topfpflanzen zierten die Tische, die mit schwarzen Platzdeckchen bedeckt, von einer plüschigen Sinnlichkeit erzählten. Ich suchte die atmosphärische Nähe eines Puppenstübchens: Stühlchen an den Tischchen, Mädchen und Bübchen basteln Friedenstäubchen, Sonnenstrahlen erhellen froh das schamrote Lila der Abendsonne.
Das Wichtigste, zugleich auch Schlimmste, waren mir die Schauspieler. Barbara, die Sinnlichste, hatte gerade ins Damenfach gewechselt. Sie übernahm freiwillig die Rolle der Klara. Ihre rauchige, fast pelzige Stimme brachte jenes schonungslose Element in die Szenen, das ich ersehnte. Abraham a Sancta Clara, seine Geburtsstätte war das Donautal, übergab ich die Rolle des pfiffigen Rabenvaters, denn er war der schönste, zugleich auch schlechteste Schauspieler.


7.Szene meiner obszönen Inszenierung
Aber Abraham a Sancta Clara sperrte sich gegen den goldsilbernen Schlusssatz: (Zitat Anfang): „Prächtige Pflanzen prangen an den Pforten des Parks.“ (Zitat Ende) Mit einer vulgären Auswahl von Worten, Wallungen und Wutausbrüchen versuchte er tendenziell gegen die lnszenierungsabsicht des Autors, also meiner selbst, vorzugehen: (Zitat Anfang) „Ich habe es satt“ (Zitat Ende), oder (Zitat Anfang) „Lass das Scheiß Ding weg.“ (Zitat Ende) 

Er sollte die Worte, die der Dichter ihm in den Mund gelegt, - und wer war hier der Dichter, wenn ich nicht selber dieser „Dreckskerl„ war von dem sie alle sprachen, diese dummen dreisten Dilettanten - lediglich lispelnd, einige Kirschen pflückend, mit geflickten Hosen, in Genusssucht wispernd, vielleicht zuweilen auch dezidierend, nie aber denunzierend zaghaft zitieren. Abraham war, oh Gott, hätte ich ihn nie besetzt, jedoch zu lasch und auch zu plump.
„Welch schlecht berechtigtes Vermächtnis erwächst dem schwächlichen Gedächtnis.“
Mit der Darstellung des geschundenen Kindes betraute ich den ehemaligen Abschnittsbevollmächtigten unseres Stadtbezirkes. Der nun überalterte und ehrenamtliche Pfaffe der freiwilligen Feuerwehr des Ortsamtes Niesski ließ sich mit Vorliebe mit (Zitat Anfang) „Exzellenz“ (Zitat Ende) bzw. mit seiner Postleitzahl: (Zitat Anfang) „2222“ (Zitat Ende) anreden. Er litt seit den späten Zwanziger Jahren an Faserglassturz in der Nähe der Pulsader. Doch: (Zitat) „verächtlich schlecht der Knecht sich rächte, der nächtlich nächst dem Pächter zechte“. Während des vieldiskutierten Schlusssatzes Abraham a Sancta Claras begann er sich plötzlich auszuziehen und mit nicht bedeckter Scham (gebrauchter Pflug blinkt) sang Pfaffe Balladen vom Manne: (Zitat Anfang) „Baal“ (Zitat Ende), indem er folgende Worte dabei benutzte:

„Schneebedeckte, feste Erde — lenzgeweckte erste Herde!
Ceres! Segenspendende — Ew‘ge Verderbenwendende!
Sende den West dem Meere entgegen, spende der Erde schwellenden Segen, lechzender Herde den quellenden Regen“
Das war nicht Brecht, das war schlecht! Worte wie Messing, kein Schiller, kein Lessing hätte das ertragen! Doch ich will es wagen die Menschen bekehren und ihnen was lehren!

Ich schrie, eine Peitsche ergreifend an:
„Bedecke deinen Pilz mit Palmenblättern Zeus und bügle die Dame weich,
die Flaschen köpft
an Eicheln nicht und Pflaumenmus!“


8. Szene der obszönen Inszenierung
„Spitzfindig ist die Liebe!
Sie minnt nicht immer blindlings: Wie sie sich listig zieret, wirkt sie mit Witz nicht minder. Ihr tiefes lnnres liebt nicht, will sie nicht blindlings irren,
wird sie mit ihrer Liebe
sich schließlich nicht verwirren?“

In einem Brief antwortete mir Nora am 2.10.1982 12.42 Uhr, eine ungewöhnliche Zeit: 

„Bei Dir, mein Schatz, bröckelt der Putz, du tust, als ob du liebst, aber du klebst nur am Laster, du lebst, indem du dein Labsal vor dir her schiebst – oh schändlicher Schandfleck, schamlose Schande! Schade, schon wieder nur Schabernack! Mein Zinseszins sei dir Eiszeit.“ 

Das war nur ein Ausschnitt ihrer Zeilen, das Schlimmste sollte folgen, das Schlimmste hatte Folgen: Ich schrieb sensibilisiert, doch ohne Sentimentalität am 14.10.1982 16.27 Uhr folgende Zeilen, die ich hier zitiere:

„Es schaut aus blauem Auge so traurig auf die Frau;
sie kaufte blaue Trauben und glaubte auch sie taugten; doch kaum gekauft — verfaulten die sauern, blauen Trauben.“

Nora antwortete zornig zur Nachtzeit im Dezember, eiskalt überzog der Schnee die stehen gebliebenen Pflanzen, die nun getrocknet zu Stroh wie Leichen im weißen Kleide der Landschaften und Hütten ihr Requiem sangen.

„Wieder nur Heulsturm im Kalender,
er beugt vielleicht Bäume,
du aber streust das Heu und verscheuchst die Leute.“

Hölderlin war mir näher, als ich mich selber je empfunden. War ich Hölderlin? Bin ich Büchner? Was ist mit Euripides? Ich sitze auf meiner Lagerstätte. Feuchtnass zieht es durch die Fensterritzen und ich heize den Ofen mit meinen Versen. Es sind minus vier Grad in meiner Kate. Ich denke an den blauen Sommer und seltsam, fröhlich singt‘ s wie selbst aus allen Lichtern meiner Sinne und die Lippen sprechen aus, was der Gedanke sich nicht wagt zu denken:


„Es senkt sich sacht die Sonne
sanft säuselt‘s längs dem Flusse.
Leis singt selbst die ems‘ge Drossel,
rings Sehnsucht süß entfesselt.
Des Westwinds Säuseln, leis erst kräuselt‘ s das Wasser, bis es saust und brauset. Sieh! Sorgsam sitzt im Sand der Sylph, singt sanftes, süß beseeltes Wissen — dass Seglers Sinn sich freut des Singsangs
sonst saßen Sänger selbst am See,
sittsam niemals - sie suchten sorglos
in Saus und Braus, sinnlos wie Samson
solch seltsam Sein sich zu versüßen.“

Noras Antwort blieb aus. Liebte sie noch? Was ist Liebe? Ich schreibe mit Blut auf die Dielen:

„Die Liebe ist eine Vase fällt sie runter ist es schade (um die Vase)“


9. Szene der obszönen Inszenierung
Es ist Sommer, die Zeit des Straßentheaters, träge schläft die Sonne auf den Serpentinen.

„So zogen zwei Sänger zum säuselnden See, zart sangen zur Zitter sie Tänze,
dass Zeisig ganz sacht zur selben Zeit sich zurückzog zu des Waldsaumes Grenze. Sie seufzten nach Zeiten, so rosig, so süß, als sorglos, selbst ohne Zagen, des Sängers Los man selig pries —
zart singt‘ s der Zeisig aus glücklichen Tagen.“

Abraham, die Rampensau, schrieb mir am sechsten des selbigen Monats:

»Ich habe diesen Schmauchqualm satt. Ich habe es satt, vom Honigmond zu schwärmen und jedwedes Morgenrot zu deklinieren. Ich ziehe als Schauspieler jetzt vor Gericht, dort wird man entscheiden, was ich spreche und was nicht.“
Dabei lag der Reiz meines Stückes doch nah, ich selbst fand meine Texte wunderbar. Vielleicht fehlte dem Satzbau die innere Glut, vielleicht fehlten mir gänzlich die Wut und das Blut. Selbst Grillparzer, Heine und Hofmannsthal Hatten Schwächen, das ist doch normal.
Mir deswegen gleich die Dichtung versagen, das soll sich die Zecke von Schauspieler wagen! Bemerke ich wieder solch Gegenwehr, schreib ich ihm Texte: doppelt so schwer:

„Jetzt wetzt der Letzt‘,
gehetzt entsetzt
des Messers flitz‘ge Spitz! Erhitzt, geritzt
reizt‘s Herz des Streites Hits!“

Gefesselt an einen Sessel, beseelt von seinem Hass und lechzender Hysterie spreizte sich Abraham gelenkig vor der Presse:

„Auch ich weich‘ nicht
Solch frechem Wicht,
doch leicht bricht nicht solch Joch. Durch schlechte Streich Macht Knecht sich reich, schleicht nachts sacht, lächelt noch!“

meine Antwort durch den städtischen Kurier:

„Bürger, Landsleute: weg vom organisierten Theater,
das gleich dem Ottomotor, gleich einem versklavten Automaten dumpf, maulfaul und arm an Witz vor sich hin siedet,
bis es endlich fettarschig untergeht.
Hin zu säuischen Gaunerkomödien auf dem Marktplatz!“


10. Szene der obszönen Inszenierung
Widerwillig ich Abraham eine Strichfassung vor, die vor allem die, wie er behauptet: „endlosen“ Passagen des reitenden Boten pointieren sollten:


„Plump bricht der bepackte Bauer die Laubpracht fallend beim Birnbaum; Prompt bläut der erprobte Pächter den Dieb im baumbuschigen Parke, mit Bambus beim Pumpbrunn‘! — Lobpreiset, liebpreiset, ihr Boten.“

„Lasst mich den Boten bitte brüllen“, flüsterte Abraham mir begeistert zu „und bitte schreibt mir noch einen Epilog, als Quintessenz des Abends, Ich werde die Spitze des Spektakels!“

Epilog:

„Fort mit der Demut dürft‘ger Tracht! Nicht deucht‘s dich dumm und töricht doch, dass dort der düstre Tod dir droht,
der tobend drohnt und leicht dich triffi!“




Obszöne Inszenierung ©AM2005